Deutschland, Rügen

Nadja Quint. Halbe Miete – Lilo Gondorf 1 (2015)

Lilo Gondorf, Ende 50, vermietet hauptberuflich Ferienhäuser auf Rügen. Als einer ihrer Gäste verschwindet, ermittelt Lilos Tochter Verena und auch Lilos Spürsinn wird wieder geweckt. Schließlich war sie auch ein Jahr lang Kommissarin. Bei ihren Ermittlungen kommt Lilo zugute, dass die Ehefrau des Vermissten sie ins Vertrauen zieht …

Vor fünfzehn Jahren kam die frisch verwitwete Lilo Gondorf mit ihrer Tochter aus Bielefeld nach Rügen, um Ruhe zu finden und ihren Lebensunterhalt mit der Vermietung der beiden Ferienhäuser zu bestreiten. Nach ihrer Ausbildung war Lilo ein Jahr lang bei der Polizei, bevor sie sich ganz ihrer Familie widmete. Auf dieses Jahr berufen sich Lilo und die Geschichte allerdings wie auf eine Jahrzehnte währende Prägung.

Zum Fall

Das Verbrechen betrifft einen Feriengast von Lilo, Werner Koch, der am zweiten Tag seines Urlaubs bei einer Wanderung scheinbar entführt wird. Seine Frau Elisabeth, die ihn begleitete, ist blind und kann deshalb nur ungewöhnliche Angaben machen, denen zunächst niemand recht traut. Vielleicht wollte sie ihren Mann ja loswerden? Oder ist er entführt worden aus Rache, weil er vor Jahrzehnten als Notar den Verkauf von Schrottimmobilien beurkundete?

Der Verdacht verstärkt sich, als ein weiterer Beteiligter am früheren Immobilien-Betrug vor seiner Berliner Haustür ermordet wird.

Zur Aufklärung

Lilos Tochter Verena wird zur Aufklärung des Falles nach Rügen geschickt – die Informationen, die sie ihrer Mutter weitergibt, sind allerdings sehr willkürlich gewählt. Mal zieht sie sie ins Vertrauen, mal schweigt sie konsequent. Dialoge zwischen Mutter und Tochter sind mehr als hölzern.

Zuerst macht Lilo nur zufällige Beobachtungen, die allerdings ihre Neugierde wecken, sodass sie zwischen Dauer-Putzen und Unkrautjäten anfängt zu grübeln. Als Witwe Elisabeth sie dann bittet, nach Berlin zu kommen, um zu einer Versammlung der Geschädigten von Schrottimmobilien zu gehen, macht Lilo sich gerne auf den Weg. Allerdings ohne unmittelbare Erkenntnisse. Sie fährt sogar noch ein zweites Mal nach Berlin, um mit Elisabeth die Bekannte zu besuchen, deren Mann gerade erst ermordet wurde.

Doch auf die richtige Spur kommt Lilo erst, als sie gemeinsam mit Nachbar und Freund Oscar einen kleinen Ausflug macht …

Zur Handlung

Der Fall beginnt zwar noch halbwegs manierlich, wird dann aber immer merkwürdiger. Und die Auflösung kommt schließlich aus einer ganz unerwarteten Richtung, auf die es vorher keinerlei Hinweise gab.

Als Ermittlerin gibt Lilo keine besonders gute Figur ab, auch wenn sie am Ende einen Gedankenblitz hat, wie die Täter zu überführen seien. Eigentlich lebt sie völlig für ihre Ferienhäuser, fürs Putzen, ihren Garten und den Square Dance jeden Donnerstag im Pfarrhaus. Ein wenig Neugierde treibt sie an, aber erst die Einladung von Elisabeth nach Berlin setzt so etwas wie eine Ermittlung in Gang, die dann aber wochenlang vor sich hin dümpelt.

Zu den Personen

Einen echten Charakter scheinen die Personen in Halbe Miete nicht zu haben, sie bleiben flach und ihre Handlungen scheinen oft recht unmotiviert. Lilo ist quasi dauernd beim Putzen, für sie sind nur wenige andere Tätigkeiten vorgesehen. Ihr geheimes Laster sind ein gelegentliches Glas Rotwein und ein Zigarillo, ihre Schwäche ist eine Schwärmerei für den verheirateten Pastor – seit fünfzehn Jahren. Versatzstücke, die irgendwie kein schlüssiges Bild ergeben. Und ganz ähnlich ergeht es auch den anderen Figuren in diesem Roman.

Zur Idee

Die schöne Aufmachung des Buches kann leider nicht darüber hinweg täuschen, dass die an sich nicht schlechten Ideen nicht besonders gut umgesetzt sind. Die Auflösung für den Fall kommt aus einer zu unerwarteten Richtung, die Figuren bleiben recht leblos, vieles passt einfach nicht zusammen oder wird nicht wirklich gut erzählt. Und Lilos dauernde Putzerei nervt irgendwann nur noch.

Ermittlerfigur verdient zweite Chance

Vielleicht bin ich jetzt etwas zu streng mit diesem Regionalkrimi, weil Cover und Klappentext zu hohe Erwartungen bei mir geweckt haben. Halbe Miete ist ganz gut zu lesen und man kann sich schon mal einen Urlaubstag mit ihm vertreiben. Rügen gibt natürlich eine gute Kulisse ab. Mir gefällt auch die Idee mit einer ermittelnden Vermieterin fortgeschritteneren Alters. Deshalb werde ich vermutlich auch dem zweiten Teil, der sicher nicht lange auf sich warten lassen wird, noch mal eine Chance geben.

Nadja Quint. 2015. Halbe Miete. Ein Fall für Lilo Gondorf. München: btb Verlag, 2015. (Lilo Gondorf 1)

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Nadja Quint.

Bretagne, Frankreich, Normandie

Frédéric Lenoir, Violette Cabesos. Der Fluch des Mont-Saint-Michel (2007)

Archäologin Jeanne leitet eine Ausgrabung auf dem Mont-Saint-Michel, mit dem sie seit ihrer Kindheit ein seltsamer Traum verbindet. Der Mönch aus dem Traum scheint ihr einen Auftrag zu geben, dem sie neben der Arbeit auf eigene Faust nachgeht. So findet sie heraus, dass es diesen Mönch wirklich gegeben hat – was der Leser dank eines zweiten Erzählstranges bereits weiß. Als Jeanne beschließt, an anderer Stelle zu graben, gibt es Tote auf dem Mont.

Die junge Archäologin Jeanne wird von ihrem Freund, dem verheirateten Francois, zu einem Überraschungswochenende eingeladen und findet sich so unvorbereitet auf dem Mont-Saint-Michel wieder. Mit ihm verbindet sie ein Kindheitstrauma: Bei einem Besuch im Alter von sieben Jahren träumte sie von einem kopflosen Mönch, der ihr einen Auftrag zu geben schien. Das beeindruckte sie so sehr, dass sie Archäologin wurde, flößte ihr aber auch so viel Angst ein, dass sie den Mont-Saint-Michel nie wieder betreten wollte.

Verstörte Flucht

Während ihres kurzen Aufenthaltes träumt Jeanne einen ähnlichen Traum. Sie sieht einen Mönch ertrinken und der kopflose Mönch wiederholte seinen kryptischen Satz. In Panik flüchtet Jeanne, sie ist verstört, kann nicht mehr schlafen, sucht eine Psychologin auf.

Ihre beste Freundin Isabell nimmt Jeanne zur Ablenkung mit nach Süd-Italien, doch Jeanne kann nicht abschalten. Als sie hier durch Zufall auf Spuren des Mont-Saint-Michel stößt, entschließt sie sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Da trifft es sich gut, dass für Ausgrabungen auf dem Mont ein neuer Leiter gesucht wird und Jeannes Freund Francois dies zu entscheiden hat.

Jeannes Forschungen

Also tritt Jeanne ihre neue Stelle auf dem Mont-Saint-Michel an, wo sie mit einem kleinen Team Ausgrabungen durchführt, die allerdings mit der Geschichte, die hinter dem kopflosen Mönch aus ihren Träumen zu stecken scheint, gar nichts zu tun haben. Denn parallel forscht Jeanne natürlich nach, wer dieser Mönch war, ist sie doch plötzlich davon überzeugt, dass es ihn wirklich gegeben hat, dass sein Geist ihr eine Botschaft übermitteln will.

Mittelalterliches Klosterleben auf dem Mont

Parallel zu Jeannes Handlungsstrang wird am Anfang des Buches die Geschichte des später kopflosen Mönches erzählt. Bruder Roman sollte im 11. Jahrhundert den Bau der neuen Klosteranlage betreuen. Als er allerdings die Keltin Moira kennenlernt, wird er ein wenig abgelenkt … er versucht die Heidin zu bekehren, heimlich, was natürlich nicht gut gehen kann. So erfährt der Leser lange vor Jeanne, von wem sie träumt und welche realen Begebenheiten dahinter stecken.

Historischer Thriller mit Geist

Der Roman ist trotz des im Deutschen reißerischen Titels größtenteils sehr gut zu lesen. Er vereint allerdings viele Elemente, auf die man sich als Leser einlassen muss: der historische Erzählstrang, der bisweilen etwas langatmig anmutet, aber in einem Tempo erzählt ist, das sehr gut zum Mittelalter passt; Klosterleben und Hexenverfolgung fast wie ein Klischee, aber sehr gut erzählt; Jeannes wissenschaftlicher Ehrgeiz, der mehr und mehr in Besessenheit umschlägt; Morde und Tote in beiden Zeitebenen, Intriganten und Verbrecher, Heiligtümer und nicht zuletzt ein veritabler Geist.

Brillianter Protagonist: der Mont-Saint-Michel

In die Handlung wurde also sehr viel hineingequetscht, kein Wunder, dass das Taschenbuch 586 Seiten hat. Die Charakterisierungen wurden eher vernachlässigt, in der Beziehung scheinen die mittelalterlichen Figuren viel menschlicher. Den größten Teil des Romans findet der Leser also eine sehr spannende und vielfältige Lektüre, das Ende allerdings ist … – Geschmacksache.

Lesenswert ist der Roman schon alleine deshalb, weil man hier enorm viel über den Mont-Saint-Michel lernen kann. Und das ohne Dozieren und erhobenen Zeigefinger, sondern sehr unterhaltsam.

Frédéric Lenoir, Violette Cabesos. Der Fluch des Mont-Saint-Michel. Piper, München, 2007. | Original: La promesse de l’ange. 2004. Übersetzung Elsbeth Ranke.

Frankreich, Provence, Südfrankreich

Sophie Bonnet. Provenzalische Geheimnisse – Pierre Durand 2 (2015)

In diesem zweiten Band um den provenzalischen Dorfpolizisten Pierre Durand klappt es mal wieder nicht mit dem von Durand erhofften ruhigen Dienst in der ländlichen Provence. Durand ärgert sich mit den Handwerkern herum, die sein gerade erworbenes Bauernhaus renovieren sollen. Auch mit seiner neuen Freundin Charlotte Berg läuft nicht alles problemlos. Als dann noch eine Leiche gefunden wird, bekommt Durand richtig zu tun.

In seinem vorherigen Leben war Pierre Durand Commissaire in Paris, bis er das politische Taktieren leid war und sich auf den vermeintlich ruhigen Posten des Dorfpolizisten von Sainte-Valérie versetzen ließ. Auch die kulinarischen und landschaftlichen Genüsse lockten Durand in die Gegend. Da ist es nur folgerichtig, dass er sich gerade ein altes Bauernhaus zugelegt hat. Dieses ist allerdings so renovierungsbedürftig, dass an einen Einzug nicht zu denken ist, wenn nicht der beauftragte Bauunternehmer endlich loslegt. Doch ein Bauprojekt für die Stadt bekommt auf einmal Vorrang und Durand muss auch ungewöhnliche Maßnahmen anwenden, damit seine Baustelle Fortschritte macht.

Viel Provence im Krimi

Auch Durands neue Freundin passt ins Bild: als Köchin ist sie Spezialistin für den kulinarischen Anteil an den von Durand bevorzugten Genüssen. Charlotte Berg hatte bereits im ersten Band mit dem Mordfall zu tun und dabei das Interesse Durands geweckt, aber erst am Anfang des zweiten Teils kommt das Paar zusammen. Übrigens sehr nett erzählt, eine romantische, aber auch humorvolle Szene. Im Verlauf der Ermittlungen sorgen die Liebesgeschichte und die Renovierungsaktion für den Hintergrund von Durands Privatleben, aber immer in sehr kleinen Dosen.

Eine größere Rolle spielt die Provence, in diesem Band besonders die Wälder und der Naturschutz, und immer wieder provenzalische Gerichte und Spezialitäten. Im Vergleich zu anderen Krimiautoren schafft Bonnet es sehr gut, diese nahtlos in die Handlung einzufügen – oder auch mal in eine humorvolle Beziehungsszene einzubauen.

Viele Verdächtige aus Jagd und Naturschutz

Der Fall: Marie-Laure Pabion, verwöhnte Tochter eines der Honoratioren des Dörfchens, bereitet eine großartige Hochzeit vor. Doch diese findet nicht statt, denn am Morgen vor der Trauung wird der Bruder der Braut, Franck Pabion, tot im Wald gefunden. Erschossen mit Schrot, weshalb in der herrschenden Jagdsaison als Erstes die Jäger im Visier der Ermittler sind. Doch auch die Naturschützer, die mit den Jägern gerade mal wieder ein Hühnchen zu rupfen haben, hätten Grund gehabt, Pabion zu ermorden. Der Bräutigam steht ebenfalls unter Verdacht, so wie alle Teilnehmer des Junggesellenabschieds, der in einer Wette im Wald gipfelte. Und nicht zuletzt weist auch die Familie des Opfers, Vater und Schwester, einige Eigenheiten auf, die Durand gar nicht gefallen.

Viel Ärger und eine Versuchung

Obwohl der Tote nicht einmal im Zuständigkeitsbereich Durands gefunden wurde, steckt dieser bald wieder mitten in den Ermittlungen. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen klappt nicht immer reibungslos, sein Status als Dorfpolizist sorgt nicht gerade für Wohlwollen bei den Ermittlern. Unterstützung erhält Durand allerdings von dem ihm bereits bekannten Commissaire Jean-Claude Barthelemy, der Durand vorschlägt, den Posten des Commissaire zu übernehmen. Er dürfte wieder ermitteln mit allen Befugnissen, das könnte Durand tatsächlich locken. Dazu käme ein wesentlich besserer Verdienst, zwei gute Argumente für eine Bewerbung auf diesen Posten. Das Argument dagegen: mit seiner beschaulichen Ruhe im Dörfchen Sainte-Valérie wäre es vorbei. Gerade jetzt, wo er unter den kauzigen Dorfbewohnern langsam Freunde zu finden scheint.

Viel Urlaub in der Lektüre

Auch in diesem zweiten Band versteht es Sophie Bonnet sehr gut, ein ganzes Dorf voller eigenwilliger Charaktere zum Leben zu erwecken. Natürlich bleiben die Charakterisierungen eher oberflächlich, aber doch ausreichend, um Bilder vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen zu lassen. Menschen, Landschaft und Licht, Herbst und Wald, provenzalische Spezialitäten – aus diesen Zutaten webt Bonnet ein stimmiges und höchst unterhaltsames Bild, das den Rahmen für den Kriminalfall bildet. Der Fall ist gut konstruiert, vielleicht ein wenig zu viele Spuren, Möglichkeiten und Verdächtige, da muss man als Leser schon gut aufpassen, um trotz des Wohlfühl-Hintergrunds den Überblick nicht zu verlieren und alle Zusammenhänge nachzuvollziehen.

Als kleinen Bonus gibt es noch ein paar herbstliche Provence-Rezepte im Anhang für den, der sich die passende Delikatesse zur Lektüre kochen will. Aber auch ohne das reale Essen macht das Lesen einfach sehr viel Spaß und fühlt sich beinahe an wie ein Urlaubstag in der Provence.

Sophie Bonnet. 2015. Provenzalische Geheimnisse. Ein Fall für Pierre Durand. Blanvalet | Random House. (Pierre Durand 2)

Danke an Blanvalet für das Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Sophie Bonnet.

Frankreich, Provence, Südfrankreich

Sophie Bonnet. Provenzalische Verwicklungen – Pierre Durand 1 (2014)

Pierre Durand ist kein Kommissar (mehr), sondern Dorfpolizist im beschaulichen und malerischen Sainte-Valérie, mitten in der Provence. Seine Freundin hat ihn gerade verlassen, ansonsten genießt er das ruhige Landleben, die ihn umgebende Landschaft und die provenzalische Küche. Als allerdings im Luxushotel des Örtchens ein Toter gefunden wird, werden seine Ermittler-Instinkte wieder geweckt.

In diesem Roman kann man die Provence sehen, riechen und schmecken. Immer wieder malerische Landschaftsbeschreibungen, Olivenbäume, Lavendel und Weinstöcke, Gerüche und Düfte, flirrende Hitze, provenzalische Köstlichkeiten und eigenwillige, aber liebenswerte Dorfbewohner, die noch fest zusamenhalten. Dazu ein sympathischer Protagonist, der das Leben in der Provence sichtlich genießt und von einem alten Bauernhof träumt, dazu noch ein wenig Romantik. Wer also einen kleinen entspannten Ausflug in die Provence machen will, ist in diesem Krimi bestens aufgehoben.

Tote mit Rezept

Ach ja, ein Krimi ist es ja auch noch: Der Dorfcasanova wird tot in einem Weintank gefunden, verschnürt und mit einem Bouquet garni um den Hals. Als Erklärung hinterließ der Mörder das Rezept zu Coq au Vin am Tank. Ziemlich offensichtlich hat sich also einer der betrogenen Ehemänner gerächt. Doch welcher? Und wer hatte mit der Tänzerin zu tun, die als zweites Opfer gefunden wird, ebenfalls “kulinarisch” inszeniert? Als drittes Opfer muss der Hauptverdächtige für die erste Tat dran glauben, aber da ist Durand schon ziemlich klar, wer warum welchen Mord begangen hat.

Politik und Investitionen

Der Kriminalfall ist also nicht ganz simpel gestrickt, aber vielleicht auch ein wenig zu verdreht. Rache, Geldgier, Immobilienpläne, der Besitzer des Luxushotels darf nicht verärgert werden, Durands Freund gerät unter Verdacht und seine Ex-Freundin in Gefahr… Und die Auflösung passt am Ende zu gut zu Durands romantischen Verstrickungen. Interessanter an dem Fall ist tatsächlich der Kampf Durands gegen die Intrigen der Politik bzw. seines ehemaligen Vorgesetzten, um das machen zu dürfen, was er liebt und worin er gut ist: die Wahrheit ans Licht bringen.

Fazit

Provenzalische Verwicklungen ist also vor allem eine Provence-Geschichte und liest sich wie ein paar entspannte Urlaubstage. Der Kriminalfall ist eigentlich nur ein Vorwand für ein wenig Handlung, aber nicht schlecht gemacht. In der aktuellen Flut der Regionalkrimis liegt dieser etwas über der durchschnittlichen Qualität, er ist allerdings eher ein Genuss für Provence-Fans denn für Krimiliebhaber.

Sophie Bonnet. Provenzalische Verwicklungen. Ein Fall für Pierre Durand. Blanvalet | Random House, 2014. (Pierre Durand 1)

Weitere Infos zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Sophie Bonnet.

England

Deborah Crombie. Kein Grund zur Trauer – Kincaid/James 4 (1996)

Commander Alastair Gilbert wurde in seinem Wohnort Holmbury St. Mary ermordet. Gefunden wurde er von seiner Frau Claire und ihrer Tochter Lucy, beide stehen unter Schock. Aber zu trauern scheint niemand, weder in Gilberts Heimatdorf, noch unter seinen Polizei-Kollegen. Scotland Yard wird eingeschaltet und Duncan Kincaid ermittelt wieder einmal außerhalb von London.

Kincaid und Sergeant Gemma James wissen nach einer gemeinsamen Nacht (am Ende des vorherigen Bandes) nicht so recht, wie sie mit der neuen Situation und miteinander umgehen sollen. Das macht die Zusammenarbeit nicht gerade leicht und bietet Autorin Crombie viele Gelegenheiten, Privat-Menschliches einzuflechten. Als Leserin verfolgt man interessiert Gemmas Zweifel und Duncans Frust deswegen, doch das lenkt nie vom Fall ab, sondern macht die Ermittler nur menschlich.

Ein unbeliebtes Opfer

In Holbury St. Mary war Gilbert nicht beliebt, jeder hegte scheinbar Groll oder Wut gegen den pedantischen und machtbesessenen Polizisten. Pubbesitzer Brian, sein Sohn, Pfarrerin, Ärztin, die Besitzerin des Dorfladens – alles interessant gezeichnete Figuren übrigens – jeder könnte Geschichten erzählen, tut es aber nicht, denn im Dorf hält man zusammen. Dass viele Dorfbewohner in der letzten Zeit kleine Diebstähle gemeldet hatten, scheint eine erste Spur zu sein. Duncan kann diese Diebstähle aufklären, doch da zeigt sich die starke Dorfgemeinschaft.

Der hochrangige Polizist Gilbert

Auch auf der Dienststelle Gilberts gab es Unregelmäßigkeiten: Gilbert wurde mit einem Informanten gesehen, obwohl er dafür in der Polizei-Hierarchie eigentlich längst zu weit oben war. Sein Untergebener David Ogilvie arbeitete eng mit Gilbert zusammen, als dieser vor vielen Jahren seine Frau Claire kennengelernt hatte. Ihr erster Mann war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, den Gilbert und Ogilvie untersuchten. Ogilvie war der fähigere Polizist, Gilbert wurde befördert. Zusammenhänge, die auch Ogilvie verdächtig machen.

Tod und Schuldgefühle

Da Gemma ihre erste Zeit bei der Polizei unter Gilbert verbracht hat, nutzt sie ihre Kontakte zu seiner Dienststelle und trifft ihre frühere Kollegin und Freundin Jackie wieder. Die wird neugierig auf den Fall, stellt aber dann wohl eine Frage zu viel und wird auf einer nächtlichen Streife erschossen. Ein einschneidendes Erlebnis für Gemma, die sich die Schuld gibt.

Aufklärung mit Happy-End

Allerdings gibt dieser tragische Tod Duncan die Gelegenheit, sich um Gemma zu “kümmern”, und Gemma einen Anlass, über das Leben nachzudenken … sodass am Ende nicht nur der “Mörder” gefasst wird, sondern es auch ein richtiges Happy-End gibt. Amüsantes Detail am Rande: Zum ersten Mal benutzt Duncan in diesem Band ein “pocket phone”, Gemma allerdings hat noch keines.

Zwei Genres in einem Roman

Kein Grund zur Trauer ist der vierte Band der Serie um Duncan Kincaid und Gemma James und wieder einmal sehr gut und flüssig zu lesen. Aus meiner Sicht liest man hier sogar zwei Romane in einem: Der Krimi steht zwar im Vordergrund, aber auch der Liebesroman ist sehr schön und gut in die Alltagsarbeit der Ermittler eingeflochten. Dazu kommen noch ein englisches Dorf mit ein paar exzentrischen Bewohnern und ein paar Postkarten-Idyllen, die Gefahren von Macht und ihrem Missbrauch, Tod und Gewalt und die Kunst, aus seinem Leben das Beste herauszuholen.

Deborah Crombie. Kein Grund zur Trauer. Goldmann, 1996. | Original: Mourn Not Your Dead. 1996. (Kincaid/James 4)

Mehr zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Deborah Crombie.

England

Deborah Crombie. Und ruhe in Frieden – Kincaid/James 3 (1996)

Vor 20 Jahren ertrank der zehnjährige Matthew Asherton, Sohn von Dame Caroline und Sir Gerald, Berühmtheiten der Londoner Opernwelt. Jetzt wird ihr Schwiegersohn, Connor Swann, ebenfalls ertrunken aufgefunden. Zufall? Die Familie bittet um die Unterstützung von Scotland Yard und Superintendent Duncan Kincaid erhält den Fall.

Kincaid lässt sich von Haus und Status der Familie nur wenig beeindrucken, zur Tochter und Witwe Julia allerdings fühlt er sich sofort hingezogen. Die Malerin lebte vvon ihrem Mann getrennt und versucht gar nicht erst, Trauer zu heucheln. Doch ganz kann Kincaid sie leider nicht aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließen, zumal dieser anfangs sehr klein ist: jeder scheint den Toten gemocht zu haben.

Der Fall

Kincaid ermittelt wieder mit Unterstützung von Sergeant Gemma James im Wohnort von Swann, aber auch in London. Gemma James entdeckt bei ihren Befragungen am Arbeitsplatz von Sir Gerald ihre Liebe zur Oper. Und so wie Kincaid Julia für unschuldig halten möchte, will James die große Sängerin Dame Caroline nicht vom Sockel stoßen. So sind beide ganz froh, als sie auf Swanns Spielschulden und den kleinen Gauner Kenneth Hicks stoßen. Der hält auch tatsächlich den Schlüssel zur Lösung des Falles in der Hand, aber ganz anders, als es sich das Ermittler-Duo vorgestellt hatte.

Die Menschen

Duncan Kincaid und Gemma James erhalten in diesem dritten Band der Serie noch einmal mehr Persönlichkeit, sie zeigen Gefühle, werden noch menschlicher. Auch die bisher angedeutete Annäherung der beiden scheint in Schwung zu kommen, als Kincaid Gemma in ihrer neuen Wohnung besucht. Danach spukt ihm allerdings Julia im Kopf herum, eine Ex-Frau namens Vic taucht in seinen Gedanken auf und Gemma fragt sich enttäuscht, warum die unbeschwerte Vertrautheit des gemeinsam verbrachten Abends wieder weg ist. Nach einer Nacht mit Julia kann Kincaid sogar mit seiner Ehe abschließen (nach zehn Jahren … hm). Und ihm fällt auf, dass “die Richtige” längst an seiner Seite ist. Und so gibt es fast eine Art “Liebesroman-Happy-End” – aber eben nur fast.

Fazit

Auch wenn in diesem dritten Band der Serie im Privatleben der beiden Ermittler Entscheidendes passiert, nimmt es im Lauf des Krimis doch keinen zu großen Raum ein. Wer nur diesen Band, Und ruhe in Frieden, liest, findet einen guten Krimi der ruhigeren Art mit illustrierenden Beschreibungen und gut gezeichneten Charakteren, einem interessanten Fall und viel englischem Lokalkolorit. Leser, die der Serie folgen, freuen sich darüber hinaus über die Annäherung der beiden Hauptfiguren – und wollen bei dem Schluss natürlich wissen, wie es weiter geht in der Serie.

Deborah Crombie. Und ruhe in Frieden. München: Goldmann, 1996. | Original: Leave The Grave Green. 1995. (Kincaid/James 3)

Mehr zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Deborah Crombie.

England

Deborah Crombie. Alles wird gut – Kincaid/James 2 (1995)

Als Superintendent Duncan Kincaid seine Nachbarin Jasmine Dent tot auffindet, sieht es auf den ersten Blick so aus, als sei die totkranke Frau einfach ein wenig früher verstorben als gedacht. Doch Kincaid hat Zweifel und ordnet eine Autopsie an: Eine Überdosis Morphium führte zum Tod. Doch hat Jasmine Dent selber ihrem Leiden ein Ende gesetzt oder hat jemand nachgeholfen? Und vor allem: Warum?

Aufgrund des Autopsie-Berichtes darf Kincaid ermitteln, natürlich mit der Unterstützung seines Sergeants, Gemma James. Dass es sich beim Opfer um eine gute Freundin Kincaids handelt, macht die Sache für ihn nicht einfach. Schon bei der Durchsuchung der Wohnung der Toten hat er eigentlich ein schlechtes Gewissen, in die Privatsphäre der eher verschlossenen Jasmine Dent einzudringen. Schlimmer noch ist es bei ihren Tagebüchern, doch sie könnten wichtige Erkenntnisse zum Mörder enthalten.

Dramatis personae

Die Verdächtigen in diesem Fall lassen sich an einer Hand abzählen: Margaret Bellamy, genannt Meg, eine junge, unscheinbare Frau, Ex-Kollegin von Jasmine Dent, die sich seit deren Erkrankung sehr um sie kümmerte. Megs Freund Roger Leveson-Gower, ein schrecklicher Snob, der Meg schlecht behandelt, aber trotzdem quasi von ihrem mageren Einkommen lebt. Theo Dent ist Jasmines Bruder, für den sie beinahe Mutterersatz war und den sie immer wieder großzügig finanziell unterstützte. Die Pflegerin Felicity Howarth kam jeden Tag zu Jasmine Dent, aber sie erhält beste Zeugnisse ihrer Patienten und ihrer Chefin und arbeitet sehr viel, weil sie das Pflegeheim für ihren behinderten Sohn finanzieren muss. Auch verdächtig ist der dritte Mitbewohner im Haus, der Major, der während seiner Dienstzeit in Indien Frau und Kind verloren hatte.

Ein Leben zwischen Indien und England

Kincaid und Gemma James rekonstruieren das Leben von Jasmine Dent, setzen Puzzlestücke zusammen aus den Eintragungen im Tagebuch und aus Gesprächen. Das Opfer wurde in Indien geboren, nach dem Tod des Vaters kamen die beiden Kinder zu ihrer Tante May nach England. Jasmine Dent arbeitet sich nach der Schulzeit hoch, ein “unpassender” Freund, danach geht sie nach London. Nichts Dramatisches …

Die Geschichte in Alles wird gut entfaltet sich langsam und gründlich. Beschreibungen der Räume und der Personen, Bemerkungen zu Landschaft und Wetter sorgen für Atmosphäre, die Überlegungen von Kincaid und James ermöglichen es dem Leser jederzeit, ihre Ermittlungen nachzuvollziehen.

Ermittler sind auch Menschen

Die Ermittler, Superintendent Duncan Kincaid und Sergeant Gemma James, sind bei Deborah Crombie auch Menschen, das Privatleben der beiden, ihre Gefühle und Gedanken werden nicht völlig ausgespart. Schon dadurch, dass es sich beim Opfer dieses Krimis um eine Nachbarin von Kincaid handelt, liegt der Blick ins Private des Ermittlers nahe: Seine Wohnung wird ein wenig beschrieben, die Beziehung zur Nachbarin dient nebenbei seiner Charakterisierung, er adoptiert ihre Katze, obwohl er eigentlich keine Beziehung zu Tieren hat, er nimmt Anteil an den Sorgen seines Sergeants.

Die Protagonistin als Sympathieträger

Gemma James hat finanzielle Schwierigkeiten, nachdem der Vater ihres kleinen Sohnes untergetaucht ist. Alleine kann sie weder das Darlehen für das kleine Haus noch die hohen Kosten für die Kinderbetreuung tragen. In Alles wird gut wird einmal sogar von einem Besuch bei ihren Eltern erzählt, der mit dem Fall nun gar nichts mehr zu tun hat – aber das bleibt die Ausnahme. Es hilft dem Leser allerdings sehr dabei, den Menschen Gemma besser kennenzulernen und die Sympathien des Lesers zu wecken bzw. zu verstärken, was für eine Serie nicht gerade ein Nachteil ist.

Interessanter Fall mit Charakteren und Lokalkolorit

Viele Krimileser mögen es gar nicht, wenn Privates der Ermittler ausgebreitet wird – für diese Leser sind die Krimis von Deborah Crombie nicht geeignet. Auch nicht für die ungeduldigen Leser, die in einem Krimi nur action und thrill suchen. Doch wer einen logisch konstruierten, interessanten und einfühlsam erzählten Fall sucht und dabei in eine sehr englische Welt eintauchen will, wer darüber hinaus über Menschen lesen will, die vor seinen Augen immer lebendiger werden, der ist in dieser Serie sehr gut aufgehoben.

In diesem zweiten Band der Serie ist die Erzähltechnik von Crombie noch nicht so ausgreift wie in späteren Bänden, der Fall ist vergleichsweise simpel, Psychologie und Charakterisierungen nehmen noch keinen so goßen Raum ein. Doch Alles wird gut ist auf jeden Fall ein guter Krimi der “ruhigeren Sorte” mit interessanten Menschen und viel englischem Lokalkolorit.

Deborah Crombie. Alles wird gut. München: Goldmann, 1995. | Original: All Shall Be Well. 1994. (Kincaid/James 2)

Mehr zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Deborah Crombie.

Deutschland, Sylt

Gisa Pauly. Flammen im Sand – Mamma Carlotta 4 (2010)

In einer Baugrube in List auf Sylt wird ein Skelett entdeckt, Hauptkommissar Erik Wolf und sein Assistent Sören nehmen die Ermittlungen auf. Es stellt sich heraus, dass es sich um die Leiche von Elske Pedersen handelt, die vor fünf Jahren angeblich ihren Mann verlassen hatte. Die Polizei hat allerdings nicht viele Anhaltspunkte – ganz im Gegensatz zu Mamma Carlotta, der Mutter von Eriks verstorbener Frau, die gerade zu Besuch ist: Sie stolpert geradezu über Dubioses und Verdächtiges.

Wenn Mamma Carlotta auf Sylt zu Besuch ist, gibt es im Hause Wolf immer besonders gutes und üppiges italienisches Essen. Denn die Nonna sieht ihre Hauptaufgabe darin, die Familie ihrer Tochter mit anständigem Essen zuversorgen. Das zieht auch Kollegen ihres Schwiegersohns an, sodass Mamma Carlotta so einiges mitbekommt von deren Erkenntnissen.

Mamma Carlotta wird Model

Doch zunächst mal ist es viel aufregender, dass Carlotta als Model auftreten soll. Enkelin Carolin absolviert gerade ein Schulpraktikum im Modeatelier der Schwestern Yvonne Perrette und Geraldine Bertrand. Und bei der anstehenden Modenschau sollen nicht nur Carolin, sondern auch ihre Nonna dabei sein. Als waschechte Italienerin muss Mamma Carlotta jemandem davon erzählen, auch ihren heimlichen Freunden in Käptens Kajüte, einem schäbigen Imbiss.

Der Mörder ist immer der schlagende Ehemann

Dort scheint merkwürdiges zu geschehen, ein paar Renovierungsarbeiten zeugen von plötzlichem Geld, geheimnisvolle Gäste erhalten geheimnisvolle Päckchen – Mamma Carlottas Neugier ist geweckt. Da außerdem das gefundene Skelett zu Elske Pedersen gehört, mit deren Mann Yvonne Perrette jetzt zusammenlebt, hat Carlotta schon zwei Fälle zu lösen. Erst recht, als auch Yvonne verschwindet und ausgerechnet Mamma Carlotta ihre Leiche unter der Biike findet.

Für die italienische Mamma ist von Anfang an klar: der Mörder muss der Ehemann bzw. jetzige Freund sein, wer Frauen schlägt, ermordet sie auch. Und die geklauten Luxusuhren gehen bei ihren Freunden in Käptens Kajüte über den Tresen, was allerdings vertuscht werden muss, eben weil es Freunde sind.

Mamma Carlottas Ermittlungsmethoden

Mamma Carlotta macht sich also an die Aufklärung der Fälle – auf ihre ganz eigene Art. Objektive Gerechtigkeit ist nicht ihr Ziel, sondern sie will die Menschen beschützen, die sie mag, sie will helfen, wissen, sehen. Kein Wunder, dass Schwiegersohn Erik von ihren “Ermittlungen” besser nichts erfahren darf. Also schnüffelt sie herum, beteiligt sich eifrig am Klatsch der Einheimischen, all das sehr charmant, herzlich und gewitzt, aber nicht immer so heimlich, wie sie denkt. Bei ihrer Offenheit kommt ihr immer wieder der Zufall zur Hilfe, sie sieht oder hört, was eigentlich gar nicht für sie bestimmt ist, liest auch schon mal einen Brief oder schaut heimlich an Orten nach, an denen sie nicht sein sollte.

Krimi light – aber logisch

Flammen im Sand spielt zur Zeit des Biikebrennens auf Sylt, Ende Februar, die Landschaft und auch die Jahreszeit bilden einen interessanten Rahmen um eine Geschichte, die aber eigentlich auch woanders spielen könnte. Die Krimi-Handlung kommt ohne echte Brutalität und Blut aus, sie ist gut konstruiert, als Leserin kann man tatsächlich mitraten, wenn man mag. Oder man kann sich einfach über Mamma Carlottas eigenwillige Ermittlungsmethoden amüsieren, die immer ein wenig italienisch-chaotisch anmuten und sehr humorvoll erzählt sind.

Lesen wie Urlaub

Die Sprache ist sehr gut zu lesen, auch dann noch, wenn Mamma Carlotta die Realität für sich ein wenig zurecht biegen muss, damit sie ihrem Gerechtigkeitssinn entspricht, was schon mal verwickelt sein kann. Die Figuren sind eigentlich durchweg sympathisch, erhalten ein wenig Charakter, aber nicht zu viel – also ist alles gerade richtig, für einen sehr unterhaltsamen und humorvollen Krimi, der sich vermutlich am besten an einem Urlaubsnachmittag auf Sylt lesen ließe. Doch falls das nicht geht, kann man sich während des Lesens den Urlaubsnachmittag wenigstens sehr gut vorstellen. Das ist für eine Leserin doch fast ebenso gut. Oder?

Gisa Pauly. Flammen im Sand. Ein Sylt-Krimi. München: Piper, 2010. (Mamma Carlotta 4)

Mehr zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Gisa Pauly.

Italien

Andrea Isari. Eine Arie für die Diva – Leda Giallo 2 (2004)

Rom schmilzt in hochsommerlicher Hitze und wer eine Chance bekam, hat sich ans Meer zurückgezogen. Kommissarin Leda Giallo ist mit ihrem Freund und ihren Kindern ebenfalls in ihrem Häuschen in Lavinio, als auf der Baustelle des römischen Auditoriums die Leiche des deutschen Bauleiters Karl Breuer gefunden wird. Leda muss die schweißtreibenden Ermittlungen übernehmen.

Auch wenn fast alle wichtigen Leute Rom verlassen haben, steht Leda ihr Lieblingskollege Ugo bei den Ermittlungen zur Seite. Auch Ugo ist einem guten Essen nie abgeneigt und so darf der Leser den beiden Ermittlern nicht nur bei der Aufklärung des Mordes folgen, sondern sie auch zu jeder Mahlzeit begleiten. Das beginnt beim morgendlichen Frühstück, das Leda nach der Fahrt von Lavinio nach Rom bei Mario einnimmt. Dann folgen weitere Mahlzeiten, bei denen zumindest immer die Speisenfolge aufgezählt wird. Römisches Savoir Vivre?

Motive? Jede Menge

Um die Mahlzeiten herum wird aber auch ermittelt. Karl Breuer war ein unangenehmer Zeitgenosse und hatte viele Feinde. Schon dass eine deutsche Firma die Bauleitung beim Auditorium übernehmen durfte, gefiel vielen Leuten nicht. Allen voran ein Lokalpolitiker und die vorherige Baufirma. Es riecht nach Korruption. Leda findet aber nur einen Spielsüchtigen, der mit den falschen Leuten gespielt hat und jetzt auf deren Abschussliste steht.

Erst als sie Antonio Conte Di Palmieri kennenlernt, Ex-Eigentümer der vorherigen Baufirma des Auditioriums, und seinen Schützling Angela Serafino singen hört, kommt sie der wahren Lösung des Falles näher …

Rom, Sommer, Leidenschaft

Eine Arie für die Diva ist gut zu lesen, flüssig geschrieben, mit viel Lokalkolorit in Form von geografischen Anhaltspunkten, sommerlicher Hitze und Mahlzeiten. Manche Passagen sind ein wenig arg verwickelt, man muss als Leser schon gut aufpassen, um das Geflecht der befürchteten Korruption zu durchschauen. Ein paar Winkelzüge scheinen arg weit hergeholt. Am Ende ist die Auflösung dann aber überraschend einfach und schlicht.

Insgesamt ein bisschen dünn

Die Charaktere bleiben allerdings recht blass und oberflächlich. Sogar die Protagonistin scheint sich fast ausschließlich darüber zu definieren, dass sie gerne isst und man das ihrer Figur auch ansieht. Ansonsten ist sie in ihrem Beruf sehr professionell, ihre manchmal etwas eigenwillige Vorgehensweise ist im Vergleich zu den Marotten anderer Kommissare eher unauffällig. Ein Privatleben hat Leda auch, aber das kommt wirklich nur am Rande vor. Auch wenn es, wie immer bei Serien, benutzt wird, um neugierig auf die nächste Folge zu machen: Ledas Kinder, die bisher bei ihrem Vater in München gelebt haben, werden demnächst zu ihr nach Rom ziehen. Damit wird sich ihr Alltag ändern, einen kleinen Vorgeschmack hat sie in diesem “Urlaub” am Meer bereits bekommen. Ob das reicht, die Leser dieses zweiten Bandes bei der Stange zu halten?

Andrea Isari. 2004. Eine Arie für die Diva. Ein Leda-Giallo-Krimi. München: Piper Verlag. (Leda Giallo 2)

In dieser Serie erschienen

Isari, Andrea. 200?. Römische Affären. München: Piper. (Leda Giallo 1)
Isari, Andrea.
2004. Eine Arie für die Diva. München: Piper. (Leda Giallo 2)
Isari, Andrea. 2006. Letzter Tanz am Tiber. München: Piper. (Leda Giallo 3)
Isari, Andrea. 2007. Römische Rache. München: Piper. (Leda Giallo 4)
Isari, Andrea. 2009. Römische Liebe. München: Piper. (Leda Giallo 5)

Schweden

Voosen/Danielsson. Rotwild – Nyström/Forss 2 (2013)

Rotwild beginnt eigentlich wie ein ganz normaler Krimi: Ein Mann wird auf seinem morgendlichen Spaziergang ermordert und von Pfeilen durchbohrt. Gefunden wird die Leiche in der Nähe des Treffens eines historischen Bogenschützenvereins. Klarer Fall, denkt man.

Doch Kommissarin Ingrid Nyström stellt schnell fest, dass es nicht so eindeutig ist, wie es aussieht. Die Pfeile im Körper der Leiche sind nicht historisch, sondern stammen aus einer Harpune. Und die ganze Szenerie, in der die Leiche gefunden wird, ist inszeniert. Einer der Bogenschützen, ein italienischer Mönch, sieht die Analogie zum Märtyrer Sankt Sebastian.

Stina Forss darf zurück zum Team

Ingrid sieht schnell, dass dieser Fall außergewöhnlich ist, und holt sich Stina Forss zur Unterstützung. Die war nach ihrem Alleingang bei der letzten Ermittlung (im letzten Band) eigentlich zur Verkehrspolizei versetzt worden. Ihren eigenwilligen Ermittlungstil hat sich die Deutsch-Schwedin dort nicht abgewöhnt.
Ein zweiter Toter wird gefunden, ebenfalls als Märtyrer arrangiert. Doch eine andere Verbindungen zum ersten Toten scheint es nicht zu geben.

Der Fall – politisch-historisch, brisant

Gemeinsam fahren Ingrid und Stina nach Nordschweden als dort eine dritte Leiche gefunden wird, die wie eine der Märtyrerinnen inszeniert wurde. Doch das ist auch der Punkt, an dem die beiden Ermittlerinnen aus Växjö den Fall entzogen bekommen. Verbindungen zur Stasi und zur RAF rufen die Reichskriminalpolizei auf den Plan. Aber Ingrid und Stina sind beide verbissen, keine kann den Fall einfach abgeben. So folgt Stina einer Spur nach Berlin und Ingrid hindert sie nicht daran …

Das Privatleben – mehr als Dekoration

Ganz nebenbei erhält der Leser auch kleine Einblicke in das Privatleben der Ermittler. Doch das geht immer nur so weit, dass die Figuren mehr Tiefe erhalten, nie stört es die eigentliche Krimi-Handlung. Eine kleine Fährte allerdings lockt den Leser schon in den nächsten Band der Serie, Aus eisiger Tiefe, der im September 2014 erschienen ist.

Einfach richtig gut

Rotwild ist eine hochpolitische Geschichte, die das Autoren-Duo Danielsson / Voosen hervorragend erzählt. Eine gut recherchierte Story, clever konstruiert, aber nicht übertrieben, psychologisch komplex bis in die Nebenfiguren und auch noch sprachlich sorgfältig ausgearbeitet – für mich einer der besten Krimis, den ich seit Langem gelesen habe. Seit dem ersten Band des deutsch-schwedischen Paares, Später Frost.

Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson. Rotwild. Ein Fall für Ingrid Nyström und Stina Forss. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013. (Ingrid Nyström/Stina Forss 2)

Mehr zu den Autoren und zur Serie auf der Autorenseite Voosen/Danielsson.

Luxemburg

Tom Hillenbrand. Teufelsfrucht – Xavier Kieffer 1 (2011)

Tiefkühlpizza sehe ich mit ganz neuen Augen nach der Lektüre dieses Krimis. In seinem Debütroman hat Tom Hillenbrand einen teuflischen Plot um eine Frucht gesponnen, die als extrem potenter Geschmacksverstärker die künstliche Herstellung von Nahrung revolutionieren könnte. Sehr spannend, mit vielen kulinarischen Beschreibungen und viel Lokalkolorit aus dem historischen Teil Luxemburgs.

Xavier Kieffer, einst verheißungsvoller Sterne-Aspirant, hat sich in seine Heimat Luxemburg zurückgezogen und führt ein eigenes, kleines Restaurant. Dort genießt er sein ruhiges Leben voller luxemburgischer Delikatessen. So lange, bis ein Gast seines “Deux Eglises” während des Essens tot umfällt. Der Gastro-Kritiker wurde ermordet, wie sich schnell zeigt.

Küchen-Ermittlungen

Der Koch macht sich auf die Suche nach Spuren, die ihn mehrmals nach Frankreich, nach Deutschland und in die Schweiz führen. In der Küche seines früheren Lehrmeisters entdeckt Kieffer eine geheimnisvolle Frucht, mit der er dann experimentiert. Er stellt fest, dass die Frucht geröstet jedes Gericht zu einem kulinarischen Höhepunkt werden lässt, egal wie schlecht es an sich schmeckt. Diese Wirkung scheinen noch einige andere Leute entdeckt zu haben, denn bald sind auch Kieffer Killer auf den Fersen …

Ein spannender Krimi, wenn man sich nicht an den vielen Beschreibungen aus der Küche stört – bzw. sie vielleicht sogar genießt – und keine tiefere Psychologie erwartet.

Tom Hillenbrand. Teufelsfrucht. Ein kulinarischer Krimi. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2011. (Xavier Kieffer 1)

(2015-02-03)

Mehr zum Autor und zur Serie auf der Autorenseite: Tom Hillenbrand

Italien

Claudio Paglieri. Kein Grappa für Commissario Luciani – 4 (2013)

In diesem vierten Band der Serie um Commissario Luciani hat der Commissario einen Klotz am Bein: Baby Alessandro, das Luciani in seinem Garten fand mit der Nachricht, er müsse sich um das Baby kümmern. Ganz nebenbei hat Luciani auch noch den Fall um ein potenzielles Selbstbildnis Leonardo da Vincis aufzuklären und sich um seine einstige Liebe zu kümmern …

Der Krimi wird ausführlich erzählt in vielen Szenen, in denen jeweils eine Person im Mittelpunkt steht. Der Commissario macht zuerst Urlaub mit dem Baby, während sein Team erste Ermittlungen führen muss. Es steht auch mal einer der ermittelnden Polizisten in Zentrum, beruflich, aber auch privat.

Das Personal

Dann gibt es noch einen alten Grafen und seine polnische Haushälterin – sehr gut erzählt mit psychologischem Gespür. Kleine Gauner kommen auch vor, ein rachsüchtiger Mensch namens Gabin (die Erklärung dieser Kapitel findet sich vermutlich in einem vorherigen Band) und nicht zuletzt die schöne Fiammetta Sforza, Schulfreundin von Luciani und Kunstexpertin.

Der Fall

Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Kapiteln werden erst sichtbar, als nach und nach Menschen sterben: erst der Graf, dann die Haushälterin, schließlich die kleinen Gauner – die dann aber kaum noch wichtig scheinen, so beschäftigt ist Luciani mit der alten Schulfreundin. Fiammetta hatte für den alten Grafen die Echtheit eines Kunstwerks bestätigt: ein unbekanntes Selbstporträt Leonardo da Vincis. Ein gutes Motiv – aber waren es wirklich Morde?

Mein Fazit

Der Krimi ist gut, jedenfalls spannend, und der Fall ist logisch konstruiert. Manche Kapitel sind sehr gut geschrieben, sehr passend in der Perspektive. Allerdings gibt es viele Stellen, die etwas abstrus sind, manches ist extrem unwahrscheinlich, manchmal unter der Gürtellinie. Bei manchen Kapiteln fragt man sich, was das mit dem Fall (oder mit irgendwas) zu tun hat … Verlockt hat mich an dem Buch, dass es in Genua und Camogli spielt, aber das hat leider keine so große Rolle gespielt wie erhofft.

Paglieri, Claudio. 2012. Kein Grappa für Commissario Luciani. Berlin: Aufbau, 2013. | Original: L’enigma di Leonardo. Mailand: Edizioni Piemme SpA, 2012. (Commissario Luciani 4)

Mehr zum Autor und zur Serie auf der Autorenseite Claudio Paglieri.

Frankreich, Provence

Pierre Martin. Madame le Commissaire und der verschwundene Engländer – 1 (2014)

Isabelle Bonnet ist Madame le Commissaire – aber natürlich ist sie keine gewöhnliche Kommissarin, sondern eigentlich Chefin einer Spezialeinheit des Staatsschutz. Bei einem Bombenattentat auf den französischen Präsidenten wurde sie verletzt, zur Erholung fährt sie ausgerechnet in ihren Geburtsort, an den sie scheinbar seit Jahren keinen Gedanken verschwendet hatte: Fragolin, ein Dorf im Departement Var. Dort ist gerade eine Frau ermordet worden und ein Engländer verschwunden.

Eigentlich will Workaholic Isabelle sich nur erholen und vielleicht ein wenig nach ihren Eltern forschen, die bei einem Autounfall ums Leben kamen. Der Vater war einst Bürgermeister des Dorfes und hatte erbitterte Konkurrenten. Isabelle hält den angeblichen Unfall für einen Mord und fängt an, ein wenig nachzuforschen.

Zu gut für den Job …

Das aktuelle Verbrechen ist Thema im Dorf, doch Isabelle wird erst aktiv, als ihr Chef und väterlicher Freund sie auf den Fall ansetzt. Die örtliche Polizei sei überfordert, doch eigentlich erwarte man gar keine Ergebnisse. Also sei der Fall quasi Medizin für Isabelle, so werde sie schneller gesund als durch Nichtstun. So ganz überzeugt ist die Mittvierzigerin nicht, aber ihr Ehrgeiz ist geweckt und sie geht Details nach, die am Ende natürlich zur Auflösung des Falles führen. Nicht ohne dramatisches Showdown …

Schauplatz Provence

Madame le Commissaire ist ein Krimi, den man schnell runterlesen kann, meistens ist er wirklich spannend, stellenweise ganz nett, stellenweise ärgerlich, sicher kein ganz großer Wurf. Gut gefallen hat mir das Setting im Hinterland der Côte d’Azur, der Duft von Lavendel und Rosmarin, das französische Savoir Vivre – das dann allerdings schon zu oft betont wird. Assistent Apollinaire ist sicher die skurrilste, aber auch lebendigste Figur des Krimis. Ein paar Dorfbewohner entsprechen nett-schrulligen Klischees. Die alte Freundin Clodine scheint nur Staffage und Mittel zum Zweck.

Widersprüchliche Protagonistin

Die Hauptfigur Isabelle ist nicht sehr konsequent gezeichnet, der Bomben-Unfall muss als Entschuldigung herhalten. Einmal legt sie im Alleingang ein paar Angreifer aufs Kreuz, dann macht sie banale Anfängerfehler, nur damit es am Ende spannend werden kann … Eine Affäre muss sie natürlich auch haben, mit dem derzeitigen Bürgermeister Thierry, aber Isabelles Reaktionen sind auch hier widersprüchlich. Showdown und Auflösung des Falles passen eigentlich nicht wirklich zum vorherigen Geschehen oder Stil des Krimis.

Gute Idee, schlampige Ausführung

Der ganze Krimi macht den Eindruck, als sei er unter großem Zeitdruck entstanden. Eine gute Ausgangsidee, aber dann keine Zeit, die Handlung konsequent aufzubauen und stringent zu erzählen. Gelegentlich ist der Leser unmittelbar im Geschehen, dann wieder wird sehr distanziert berichtet. Sogar von einer Unterhaltung heißt es dann: Sie redeten über … und über … – Wenn der Dialog wesentlich für die Handlung ist, sollte der Autor das Wesentliche direkt wiedergeben, wenn es nicht wichtig ist, sollte er es besser ganz weglassen. Wer auch immer sich hinter “Pierre Martin” versteckt (vielleicht sogar mehrere Autoren?), hat gut daran getan, sich für diesen (noch?) nicht ganz geglückten Versuch ein Pseudonym zu suchen.

Pierre Martin. Madame le Commissaire und der verschwundene Engländer. München: Droemer Knaur, 2014.

Mehr zum Autor und zur Serie auf der Autorenseite Pierre Martin.

Frankreich, Südfrankreich

Christine Cazon. Mörderische Côte d’Azur – Kommissar Duval 1 (2014)

Noch bevor Commissaire Léon Duval nach seinem Umzug alle Koffer ausgepackt hat, wird er von seinen neuen Chefs in Cannes zu einem Mord gerufen: Der bekannte Filmemacher Serge Thibaut wurde während einer Filmvorführung erschossen. Wegen des Filmfestivals ist Cannes sowieso im Ausnahmezustand, die Presse nimmt sofort die Fährte auf. Und Duval muss bei einem brisanten Fall ins kalte Wasser springen und einen Mörder finden.

Bei diesem Krimi, dem Erstling von Autorin Christine Cazon, ist der Leser gleich mitten im Geschehen und in der Perspektive der Detektivfigur: Ein Anruf des Staatsanwaltes ruft Duval zu einem neuen Fall – während er gerade eine Handtuchstange in seinem neuen Bad montieren will. Die Aussicht auf den Fall macht Duval nervös und damit sofort menschlich.

von Null auf Hundert

Duval ist gerade erst nach Cannes gezogen, in das von seinem Vater geerbte Haus. Die neuen Kollegen kennt er noch nicht und so beginnt er diesen ersten Fall in Cannes ebenso wie der Leser: reichlich verwirrt von all den neuen Namen und Funktionen und Befindlichkeiten. Dazu spürt er die Vorbehalte der Menschen hier, Duval ist der “Kommissar aus Paris”, dem will man es nicht zu leicht machen.

menschlich und moralisch

Also kämpft sich Duval durch das Dickicht der Verwaltung und Bürokratie, tritt auch mal in ein Fettnäpfchen und ist genervt von Vorgesetzten und deren Vorgaben. Dass jemand reich und einflussreich ist, ist für Duval kein Grund, denjenigen nicht genau unter die Lupe zu nehmen. Vor allem, wenn es um einen solch schlimmen Verdacht geht, wie er Duval zu schaffen macht.

die Wichtigkeit des Schauplatzes

Mit Léon Duval hat Autorin Christine Cazon eine sympathische Detektivfigur geschaffen, die intelligent ermittelt und handelt, aber kein Übermensch ist. Das Privatleben Duvals kommt auch zur Sprache, nimmt aber keinen zu großen Raum ein. Cannes als Schauplatz ist allerdings jederzeit präsent, detaillierte Orts- und Wegbeschreibungen scheinen dem Leser ein gutes Bild der Stadt zu vermitteln.

unterhaltsamer Serienauftakt

Cazons schlichter Schreibstil ist sehr gut zu lesen. Viele Dialoge geben dem Leser das Gefühl, ganz nah am Geschehen zu sein. Kein Geniestreich im Bereich der Kriminalliteratur, aber ein unterhaltsamer, klarer Krimi vor südfranzösischer Kulisse, mit ganz interessanten Figuren und Einblicken in die französische Bürokratie. Und vor allem mit einem Protagonisten, von dem man doch gerne mehr erfahren möchte …

ganz im Trend

Mörderische Côte d’Azur ist ganz klar ein Krimi, der versucht auf einen Trend aufzuspringen. Regionalkrimis scheinen zu boomen, ganz sicher was die Anzahl der erschienenen Titel betrifft. Neben deutschen Regionalkrimis sind 2014 etliche Krimis erschienen, die in Südfrankreich spielen – und die Autorennamen lesen sich wie eine Reihe schlechter Pseudonyme. Wer schreibt hier wirklich? Sind all diese Krimis nur lieblose Massenware, produziert, weil die Nachfrage gerade da ist?? Als Krimiliebhaber fühlt man sich ein wenig verschaukelt, die Autoreninfos glaubt sowieso niemand mehr.
Gekauft hätte ich mir das Buch aus diesen Gründen nicht, doch als Geschenk bekommen, war ich neugierig. Und musste feststellen, dass ich den Krimi nicht so schlecht fand, wie ich befürchtet hatte. Was vermutlich daran liegt, dass ein gut konstruiertes Grundgerüst schon den halben Krimi ausmacht. Wenn dann noch die Sprache behagt, hat man nette Unterhaltung. Mehr erwarte ich von einem Krimi in der Regel nicht.

Christine Cazon. Mörderische Côte D’Azur. Der erste Fall für Kommissar Duval. Kiepenheuer & Witsch, 2014.

Mehr Infos zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Christine Cazon.

England, Italien

Elizabeth George. Nur eine böse Tat – Inspector Lynley 18 (2013)

Barbara Havers in der Hauptrolle – und völlig von der Rolle, so ließe sich Nur eine böse Tat vielleicht zusammenfassen. Aber noch nie war die frühere Partnerin von Detective Inspector Thomas Lynley so sehr persönlich betroffen: Die Tochter ihres Nachbarn und Freunds Taymullah Azhar, Hadiyyah, ist verschwunden. Allerdings mit ihrer eigenen Mutter, sodass Azhar, nicht offiziell als Hadiyyahs Vater eingetragen, machtlos ist. Barbara will ihm helfen, koste es, was es wolle.

Auf 870 Seiten breitet Elizabeth George ihren Roman in London und Lucca aus, einen Roman, den man eigentlich kaum noch Krimi nennen kann. Neben einer echten Krimihandlung, bzw. zwei hintereinander, ist der Roman auch eine Charakterstudie von Havers: Wie weit würde jemand / sie gehen, um einen Freund zu beschützen, selbst wenn es den Job kosten könnte? Dazu geht Elizabeth George wie gewohnt extrem in jedes Detail, beschreibt jede Bewegung und jede Überlegung ihrer Hauptfiguren.

Charaktere

Thomas Lynley agiert in diesem 18. Band der Serie eher am Rande. Für kurze Zeit beobachtet er die Ermittlungen in Lucca, ansonsten ist er vor allem mit seinem Privatleben beschäftigt. Viele weitere Figuren führt Elizabeth George ein. Und das ist etwas, was ich wirklich bewundern muss: Auch die kleinste Nebenfigur erhält einen Charakter. Dazu reichen George wenige Sätze und man glaubt, den Menschen mit seinen Eigenheiten vor sich zu sehen.

Entführung und Mord

Wieviel kann man zur Krimihandlung sagen, ohne zu viel zu verraten? Erst wird Hadiyyah von ihrer Mutter entführt, dann in Lucca von einem Unbekannten. Ihr Vater fährt auch hin, Lynley stößt dazu. Das Mädchen wird gefunden. Und kurz darauf wird ihre Mutter ermordet. Hadiyyahs Vater Azhar steht unter Verdacht.

Barbara Havers will Azhar helfen. Da die Polizei offiziell nichts für ihn tun kann, begleitet sie ihn zu einem Detektiv. Der soll herausfinden, wohin Hadiyyah mit ihrer Mutter verschwunden ist. Er habe sie nicht finden können, sagt Azhar Barbara. Also hilft sie bei der Suche, spricht mit Azhars Ehefrau und seinem Sohn, mit Eltern und Schwester von Hadiyyahs Mutter Angelina. Ein Journalist soll Barbara später dabei helfen, nach Lucca geschickt zu werden, doch auch diese Geschichte verselbständigt sich. Der Detektiv scheint ebenso ein eigenes Ziel zu verfolgen, viele manipulierte Daten sind die Folge …

Zu viel des Guten

Auf 870 Taschenbuch-Seiten kann ein Autor eine komplexe Geschichte ausbreiten. Das tut Elizabeth George auch ausgiebig und mit Liebe zum Detail. Und sie macht es auch gut, man kommt als Leser den Menschen nahe, lernt ihre Beweggründe kennen, will sie begleiten. Der Erzählfluss ist eher langsam, Action gibt es nicht, aber das ist sehr gut gemacht.

Und trotzdem: 870 Seiten sind einfach zu viel. Wieso mussten es gleich so viele Verwicklungen sein? Der Mordfall löst sich auf, wie Barbara (und der Leser) es erhofft hatte, doch die allerletzte Wendung für Barbara entbehrt jeglicher Logik. Vielleicht folgt eine Erklärung im nächsten Band der Lynley-Reihe? Doch vermutlich werden nur sehr begeisterte George-Fans überhaupt so weit gelesen haben. Sogar ich musste viel Geduld bemühen, um den Roman bis zum Ende zu lesen, obwohl ich Georges Erzählweise sehr schätze. Schade.

Elizabeth George. Nur eine böse Tat. München: Goldmann, 2013. | Original: Just One Evil Act. 2013. (Inspector Lynley 18)

Mehr zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Elizabeth George.

Spanien

Alicia Giménez Bartlett. Samariter ohne Herz – Petra Delicado 6 (2005)

Ein Obdachloser wird tot auf einer Parkbank in Barcelona gefunden, scheinbar zu Tode geprügelt von Skinheads. Doch Inspectora Petra Delicado und Subinspector Fermín Gárzon merken schnell, dass das nicht stimmt. Skinheads pflegen ihre Opfer vorher nicht zu erschießen.

Petra Delicado und ihr Subinspector widmen sich der Aufklärung des Falles in gewohnter Weise, doch zunächst gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Niemand kannte den Obdachlosen oder niemand will oder kann reden. Die Hoffnungslosigkeit, die die Seelen der Obdachlosen auffrisst, berührt sogar die hartgesottene Petra. So steht am Anfang viel Routine-Lauferei von einer Wohlfahrtsstelle zur nächsten, Befragungen von Skinheads, Obdachlosen, Sozialarbeitern.

Privatleben inklusive

Eine neue Kollegin, die junge und hübsche Yolanda, bringt etwas frischen Wind in das eingespielte Ermittler-Duo. Allerdings haben es beide privat gerade auch nicht ganz einfach: Fermíns homosexueller Sohn kommt mit seinem Lebensgefährten zu Besuch und Fermín flüchtet zu seiner Chefin. Diese hat gerade eine leidenschaftliche Affäre mit einem sehr hartnäckigen Verehrer. Ricard drängt nach vier Tagen (bzw. Nächten) schon darauf zusammenzuziehen, und dass Petra dies ernsthaft in Erwägung zieht, gibt ihr sehr viel Stoff für ihre andauernde Analyse von sich selber und der Gesellschaft.

Wohlstandsgesellschaft …

Als sich endlich ein Obdachloser findet, der den Toten gekannt hat, kommt langsam Bewegung in die Ermittlung. Als sich allerdings herausstellt, dass sich auch im Bereich der Wohlfahrt Betrüger tummeln, bessert das das Weltbild der Senora Delicado natürlich nicht.

Bissig und ironisch

Die eigentlichen Ermittlungen sind auch in diesem sechsten Band wie gewohnt mit bissigen, ironischen Wortgefechten der beiden Ermittler angereichert, anfangs dominieren sie eindeutig die Kriminalhandlung. Mit der jungen Yolanda kommt ein neuer Faktor ins Team, der Petra und Fermín erstmals ihre Gemeinsamkeiten aufzeigt: ihr Alter und ihre Erfahrung. Erfahrung ja, doch von Abgeklärtheit ist bei Petra keine Spur zu finden. Die ersten Ängste vor dem Alter bekämpft sie mit aggressivem Verhalten und der Affäre, ihrer Verbitterung lässt sie freien Lauf. Die Überlegungen zur spanischen Gesellschaft sind immer scharfsinnig, aber niemals beschönigend.

Sehr spanisch

Die Lektüre meines ersten Krimis mit Petra Delicado (Tote aus Papier) hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen, die Übersetzung war mir teilweise “zu spanisch”. Auch in diesem sechsten Band gibt es einige Stellen, an denen der Leser die Übersetzung spürt: Im Deutschen “pflegt” man viel weniger zu machen als im Spanischen. Doch vielleicht habe ich mich ein wenig dran gewöhnt, jedenfalls störte es dieses Mal den Lesefluss viel weniger. Dafür wusste ich die Eigenheiten dieser Ermittlerin, die so gar nichts Süßliches an sich hat, viel mehr zu schätzen.

Empfehlung

Leser, die in ihren Krimis eine rein logische Ermittlungsarbeit bevorzugen, werden hier mit Sicherheit enttäuscht. Wer aber Menschen mit außergewöhnlichem Charakter kennenlernen will und Einblicke in die heutige spanische Gesellschaft sucht, für den ist dieser Krimi wie gemacht.

Alicia Giménez Bartlett. Samariter ohne Herz. Petra Delicado löst ihren sechsten Fall. Köln: Bastei Luebbe, 2005. | Original: Un barco cargado de arroz. 2004. (Petra Delicado 6)

Weitere Infos zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Alicia Giménez Bartlett.

Deutschland

Anne Chaplet. Caruso singt nicht mehr – Paul Bremer 1 (1997)

Mit der ländlichen Idylle ist es auch nicht mehr weit her. Das muss Paul Bremer, Aussteiger aus einer Frankfurter Werbeagentur, in seinem neuen Zuhause, einem Dorf an der Rhön, feststellen. Die Landwirtschaft ist vor allem laut und stinkt. Die Nachbarn sind extrem exzentrisch, aber wenig liebenswert. Vorurteile finden hier einen idealen Nährboden, was von der Norm abweicht, ist gefährlich. An Paul Bremer und seine manische Radfahrerei haben sich seine Mitdörfler immerhin langsam gewöhnt.

Doch die Idylle ist nicht nur nicht idyllisch, sondern scheinbar auch so langweilig, dass vielfältige Verbrechen verübt werden: Scheunen werden abgefackelt, ein Pferdeschlitzer geht um und schließlich passiert auch noch ein Mord. Anne Burau, Besitzerin eines Bio-Hofes im Nachbardorf, findet ihren Mann tot in der Kühlkammer. Paul Bremer möchte der attraktiven Frau helfen und traut sich dann doch nicht so recht. Seine alte Freundin, Staatsanwältin Karen Stark, wird in die Geschichte hineingezogen und der Dorf-Kommissar Gregor Kosinski entpuppt sich als Mensch.

Paul Bremer, der Aussteiger

Im Zentrum des Romans stehen gleichermaßen Paul Bremer und die Verbrechen – die Detektivfigur ist Bremer trotzdem nicht. Doch er ist der Fokus, den größten Teil der Handlung sieht der Leser durch seine Augen. Auf jeden Fall ist der scharfe Blick auf das Landleben und das Leben an sich seiner. Kleine, scharfsinnige Analysen, ungewöhnlich beschrieben.

Mord-Ermittlungen nebensächlich

Der Mord ist in diesem “Krimi” gar nicht mal so wichtig. Die Aufklärung läuft Karen Stark eher zufällig über den Weg, den Pferdeschlitzer überführt ein Pferd und der Brandstifter wird von einem Bauern erwischt. Doch der Mordfall liefert den Anlass, deutsch-deutsche Geschichte aufleben zu lassen, Verrat und Schuld-Gefühle in einem Roman zu verpacken. Als der Roman 1997 zum ersten Mal erschien, waren die Enthüllungen durch die Stasi-Akten noch ein aktuelles Thema, heute wirkt es leicht abgegriffen und fast schon historisch.

Fesselnd und scharfsinnig

Das hört sich jetzt gar nicht so positiv an – und trotzdem ist der Roman sehr gut. Das liegt nicht an einer rasanten Krimihandlung. Gründe sind die intelligente Erzählweise, der genaue und schonungslose Blick auf das Landleben, die kleinen Beobachtungen am Rande, die bisweilen fast poetischen Beschreibungen der Natur und der knappen, treffenden Analyse von Gefühlen. Ein gleichermaßen fesselnder, scharfsinniger und subtiler Einblick in das Landleben und die menschliche Seele.

Anne Chaplet. Caruso singt nicht mehr. Ersterscheinung Kunstmann 1997, weitere Ausgaben Goldmann 2000, List 2008. (Paul Bremer 1)

Mehr Infos zur Autorin und dieser Serie auf der Autorenseite Anne Chaplet.

Bretagne, Frankreich

Jean-Luc Bannalec. Bretonisches Gold – Kommissar Dupin 3 (2014)

Als Kommissar Georges Dupin in die Salzgärten der Guérande fährt, weil eine befreundete Journalistin dort geheimnisvolle Fässer vermutet, wird auf ihn geschossen. Er verschanzt sich in einem Schuppen, die für die Gegend zuständige Polizei befreit ihn. Kommissarin Rose ist misstrauisch dem Kollegen aus Concarneau gegenüber. Doch als die Journalistin tot aufgefunden wird, müssen beide im Team ermitteln.

Gemeinsame Ermittlungen, Absprachen mit einem gleichberechtigten Partner – das ist eigentlich keine Methode für Dupin. Zumal die Kollegin anfangs keineswegs kooperativ ist und immer zu wissen scheint, wo Dupin sich gerade aufhält – es wird schwierig, den Koffein-Pegel aufrecht zu halten. Das Misstrauen ist gegenseitig, schließlich liegt die Guérande heutzutage nicht einmal mehr in der Bretagne. Nach fünf Jahren dort hat Dupin für sich selbst überraschend ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickelt und einiges über das Wesen der Bretagne und der Bretonen gelernt.

Ermittlung als Wettbewerb

Dupin und Rose ermitteln also gemeinsam oder parallel, lernen viel über die Salzgewinnung und legen viele Kilometer in meist überhöhter Geschwindigkeit zurück. Fässer würden bei der Salzgewinnung nicht verwendet und so kann sich zunächst niemand erklären, wie die Gerüchte aufgekommen sind. Auch bei der ermordeten Journalistin finden sich keine Hinweise. Erst als Dupin die Fässer und ein geheimnisvolles Wasserbecken findet, kommt ihm ein Verdacht, worum es bei diesem Fall gehen könnte.

Bretagne-Krimi außerhalb der bretonischen Grenzen

Das Buch bietet perfekte Krimi-Unterhaltung: eine spannende Ermittlung, zwei interessante Kommissare mit ihren jeweiligen Eigenheiten und vor allem viel bretonische Landschaft, Geschichte und Mythen. Die Bretagne spielt die eigentliche Hauptrolle in diesem Krimi und sie ist so schön und liebevoll beschrieben, dass man sich am liebsten sofort auf den Weg machen würde!

Jean-Luc Bannalec. 2014. Bretonisches Gold. Kommissar Dupins dritter Fall. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Weitere Infos zum Autor und zur Serie auf der Autorenseite Jean-Luc Bannalec.

Bretagne, Frankreich

Jean-Luc Bannalec. Bretonische Brandung – Kommissar Dupin 2 (2013)

Les Glénan, die geheimnisvolle Inselgruppe vor Concarneau, muss ein Traum sein: klares Wasser und weiße Strände wie in der Karibik. Nur eine Handvoll Bewohner, die hier draußen mit der Natur leben – aber doch nicht völlig abgeschieden von der Welt. Man möchte nach der Lektüre des Krimis am liebsten sofort aufbrechen und Les Glénan selber entdecken. Die Krimi-Handlung gerät in den Hintergrund bei so viel schöner Landschaft, Bootfahren und Insel-Feeling.

Doch das Verbrechen macht auch vor der traumhaften Landschaft nicht halt. Auf einer der Inseln werden nach einem Sturm drei Leichen angespült. Zunächst weiß niemand, um wen es sich handelt. Doch bald ist klar: einer der drei Männer ist Lucas Lefort, der reichste und auch der unbeliebteste Mann der Inselgruppe.

Kulinarisch akzeptables Hauptquartier

Georges Dupin leitet die Ermittlungen in diesem Fall, der sich zu seinem Bedauern nicht ohne diverse Bootsfahrten bewältigen lässt. Aber wenigstens findet er im Quatre Vents, der Bar auf der Hauptinsel, ein adäquates Hauptquartier. Hier bekommt er stets den erforderlichen Nachschub an Koffein und auch erstklassigen Hummer. Und Eigentümerin Solvenn Nuz hat einen ganz eigenen Charme.

Hartnäckigkeit erforderlich

Die wenigen Bewohner der Insel erzählen nicht viel, hartnäckig bohrt Dupin immer weiter und folgt allen Spuren, auch aufs Festland. Dort findet er eine interessante Akte, die ihn ahnen lässt, dass die Ursachen für die Tat viele Jahre zurück liegen. Am Ende wartet eine ungewöhnliche Aufklärung auf Dupin und den Leser.

Ferien in der Bretagne

Eine wunderbare Natur, Wind und Wetter, das Quatre Vents mit Kaffee und Hummer, Insel-Spaziergänge zum Nachdenken … Nicht umsonst heißt es auf der Rückseite des Romans: „Machen Sie Ferien in der Bretagne: Mit Kommissar Dupins neuem Fall.“ Denn die Lektüre transportiert den Leser so wirksam aus seinem Alltag heraus, dass es in der Tat wie ein kleiner Urlaub ist.

Jean-Luc Bannalec. Bretonische Brandung. Kommissar Dupins zweiter Fall. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013.

Weitere Infos zum Autor und zur Serie auf der Autorenseite Jean-Luc Bannalec.

Bretagne, Frankreich

Jean-Luc Bannalec. Bretonische Verhältnisse – Kommissar Dupin 1 (2012)

Kommissar Georges Dupin, vor knapp drei Jahren zwangsversetzt aus Paris ans “Ende der Welt”, wird in der Bretagne wohl immer ein Zugereister bleiben. Das hindert ihn allerdings nicht daran, sein neues Zuhause zu lieben: Concarneau und sein Lieblings-Café-Restaurant L’Amiral, Sonne, Meer und das Blau der Bretagne.

An einem heißen Morgen Anfang Juli wird Kommissar Dupin in das malerische Pont-Aven gerufen: Der Besitzer des berühmten Hotel Central wurde erstochen im Restaurant seines Hotels aufgefunden. Pierre-Louis Pennec war bereits 91 und schwer herzkrank. In seinem Hotel sah er trotzdem noch jeden Tag nach dem Rechten, er war die Seele des Hotels, das bereits zu Zeiten Gauguins beliebt und bekannt war. Um die Erinnerung an die Zeit der Maler in Pont Aven hochzuhalten, hängen im Restaurant des Hotels zahlreiche Kopien von berühmten Gemälden dieser Maler.

Pont-Aven und seine Geschichte

Der sympathische Kommissar Dupin ermittelt mithilfe seiner beiden Assistenten Riwal und Kadeg, seines roten Clairefontaine, sehr viel Koffein und seiner Intuition. Wie immer in der Bretagne ist die Geschichte allgegenwärtig und spielt auch für die Auflösung dieses Falles eine gewichtige Rolle.

Hommage an die Bretagne

Die Krimihandlung ist wirklich interessant, spannend geschrieben, aber ohne übertriebene Action. Die Hauptrolle allerdings spielt in diesem Buch ganz klar die Bretagne selber: ihre Landschaft, ihre Geschichte, die eigenwilligen Menschen. All das beschreibt Bannalec so gut und nah, dass der Leser / die Leserin sich schon beinahe selber in der Bretagne wähnt und Meer, Luft und das Blau zu spüren meint. In diesem ersten Band steht Pont-Aven im Mittelpunkt, ein wirklich malerischer Ort, der immer noch von seinen Künstlerkolonien im 19. Jahrhundert lebt.

Vielleicht sind Bannalecs Romane auch eher Reiseführer mit Krimihandlung – aber das ist ganz egal, denn es macht einfach Spaß, sich zu einem kleinen Urlaub entführen zu lassen.

Jean-Luc Bannalec. 2012. Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin. Köln: Kiepenheuer & Witsch. (Kommissar Dupin 1)

Weitere Infos zum Autor und zur Serie auf der Autorenseite Jean-Luc Bannalec.

Spanien

Alicia Giménez Bartlett. Tote aus Papier – Petra Delicado 4 (2003)

“Petra Delicado löst ihren vierten Fall” lautet der Untertitel zu Tote aus Papier. Kein Zweifel also, dass es sich um einen Krimi handelt. Doch der Roman beginnt mit melancholisch-philosophischen Gedanken der Ich-Erzählerin zu ihrem Aussehen, ihrem Alter, ihrem Leben. Im Kommissariat die erste der typischen, immer sehr eigenwilligen Unterhaltungen mit ihrem Assistenten Fermín Garzón. Die beiden erfahren, dass sie einen Fall “erben” – sicher kein typischer Anfang für einen Krimi. Die üblichen Krimi-Leser sind vermutlich bereits abgeschreckt.

Der erste Tote ist Ernesto Valdés, Skandalreporter, der mit Vorliebe die Reichen und Berühmten vorgeführt hat. Also eine unüberschaubare Menge an Verdächtiger aus den besten Kreisen. Dass der Mord von einem Auftragskiller ausgeführt wurde, hilft nicht gerade bei den Ermittlungen.

Viele Feinde, doch zunächst wenig Spuren

Valdés arbeitete für eine Zeitschrift in Barcelona, wo Delicado und Garzón sehr schnell seine heimliche Freundin finden, die von gar nichts gewusst haben will. Valdés Ex-Frau reagiert unterkühlt, scheint damit aber etwas zu verbergen. Weitere Spuren finden die beiden Polizisten in Madrid, wo Valdés in einer Fernsehsendung Promis bloßstellte. Und regelmäßig einen geheimnisvollen Mann traf…

Schnell pendeln Delicado und Garzón hektisch zwischen Barcelona und Madrid, in beiden Städten gibt es Spuren und Verdächtige, weitere Tote, hohe Geldsummen ungeklärter Herkunft, Auftragskiller und vernichtete Existenzen. Die beiden Ermittler geraten ganz schön unter Druck und wenden mehr als eine unorthodoxe Methode an, um Ergebnisse zu erhalten. Doch das scheint in Spanien weniger ein Problem zu sein als bei uns.

Aggressiv gegen Machismo

Petra Delicado ist auf jeden Fall eine außergewöhnliche Detektivfigur. Immer wieder gerät sie ins Philosophieren, besonders die Rolle der Frau im spanischen Machismo macht ihr zu schaffen. Doch aggressiv und immer vorlaut mischt sie auch selber kräftig mit. Obwohl sie eindeutig gebildet ist, ist vornehme Zurückhaltung nicht ihre Sache. “Weibliches Zartgefühl” benutzt sie höchstens gezielt, wenn es den Ermittlungen dient. Die Dialoge mit ihrem Assistenten Garzón sind immer bissig und ironisch, eine Art der Kommunikation, an die sich der Leser erst gewöhnen muss.

Die Sprache holpert mit der Übersetzung

Ein verwickelter Kriminalfall und ein ungewöhnliches Ermittler-Duo – der Krimi macht schon Spaß beim Lesen, wenn man die philosophisch-intellektuellen Anklänge mag. Allerdings stolpert man doch häufig über die Sprache, man merkt ihr die Übersetzung aus dem Spanischen an vielen Stellen allzu deutlich an. Da holpert dann schon mal ein Ausdruck, es ist von einem ‘Anwurf’ statt ‘Vorwurf’ die Rede oder Aussagen klingen sehr gestelzt, vermutlich weil Übersetzerin Sybille Martin nah am spanischen Original bleiben wollte. Doch hier könnte man in eine Übersetzungs-Philosophie geraten: Wie sehr sollte die Sprache an die üblichen Gepflogenheiten in der Zielsprache angepasst werden? Oder vermittelt gerade diese leichte Fremdheit, die durch die Übersetzung entsteht, ein besseres Gefühl für Spanien?

Alicia Giménez Bartlett. Tote aus Papier. Petra Delicado löst ihren vierten Fall. Köln: Bastei-Lübbe, 2003. | Original: Muertos de Papel. 2000. (Petra Delicado 4)

Weitere Infos zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Alicia Giménez Bartlett.

England

Deborah Crombie. Wer Blut vergießt – Kincaid/James 15 (2014)

Wer Blut vergießt ist bereits der 15. Band in der bemerkenswerten Krimi-Serie der Texanerin Deborah Crombie. Wer die vorherigen Bände nicht kennt, kann problemlos mit jedem Teil einsteigen. Allerdings wird er danach auf jeden Fall viele weitere Bücher auf seine Wunschliste setzen: nämlich mindestens die vorherigen Bände 1 bis 14.

In Wer Blut vergießt hat Detective Inspector Gemma James im eiskalten Londoner Januar den Fall um zwei ermordete Anwälte zu lösen. Die Todesumstände gleichen sich, sonst scheint es zunächst keinen Zusammenhang zu geben. Gemma und ihre Kollegin Melody Talbot ermitteln, unter anderem zieht Andy Monahan ihre Aufmerksamkeit auf sich, ein begabter Gitarrist. Sein Manager ist mit Gemma und ihrem Mann befreundet. Damit nicht genug der Verwicklungen: Melody verbringt die Nacht mit dem verdächtigen Andy; Gemmas Mann, Scotland Yard Superintendent Duncan Kincaid, befragt ‘inoffiziell’ Zeugen, obwohl er eigentlich gerade in Elternzeit ist; und sein Assistent Doug Cullen mischt trotz eines gebrochenen Knöchels auch noch mit.

Handlungsstränge perfekt kombiniert

Deborah Crombie erzählt eine spannende Krimihandlung, bei der der Leser sehr gut mitkombinieren kann. Parallel dazu wird die entscheidende Episode aus Andys Kindheit erzählt, die, der Leser ahnt es natürlich, der Schlüssel zum ganzen Geschehen wird. Aber beide Erzählstränge entwickeln sich in abgestimmtem Tempo, der Leser kann mit den Ermittlern die Fakten sammeln, wird genauso auf eine falsche Fährte gelockt wie Gemma und Melody, und erst zum dramatischen Finale entlarvt sich der wahre Täter selbst.

Menschliche Weiterentwicklung

Als einzelner Krimi wäre dieser Roman schon sehr gut, intelligent konstruiert und auch erzählt. Wie in allen Krimis Crombies spielt auch das Setting eine wichtige Rolle, London und Teile der englischen Geschichte werden dem Leser nahegebracht. Das I-Tüpfelchen für mich sind die Hauptfiguren, die ich in mittlerweile 15 Bänden gut kennengelernt habe. Im ersten Band war Gemma die junge Assistentin von Kincaid, als alleinerziehende Mutter hatte sie Mühe, Job und Kind unter einen Hut zu bringen. Zwischen beiden entwickelte sich eine Beziehung, mit sehr realistischen Problemen, mit Sorgen um den Job, mit Angst vor “etwas Festem”, mit Schatten aus der Vergangenheit, mit Kinderwunsch, Rückschlägen, eben allem, was das Leben so zu bieten hat. Diese privaten Aspekte nehmen nicht zu viel Raum ein, die Krimihandlung bleibt stets im Vordergrund.

Ermittelnde Freunde

Dabei sind alle Figuren immer fantastisch charakterisiert – auch in ihren Entwicklungen seit dem ersten Band. Als Leser hat man immer das Gefühl, das Leben von guten Freunden zu verfolgen, das halt nur ein wenig aufregender ist als das eigene.

Absolute Leseempfehlung für alle, die intelligente Krimis mögen, in denen keine hohlen Figuren, sondern Menschen agieren!

Deborah Crombie. Wer Blut vergießt. München: Goldmann, 2014. | Original: The Sound of Broken Glass. 2013. (Kincaid/James 15)

Mehr zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Deborah Crombie.

Deutschland, Norddeutschland

Laura Beer. Friesisches Roulette (2014)

Polizistin Nicole Jacobi wird aufs Land versetzt, das ostfriesische Dorf Reedersum soll für ein Jahr ihre berufliche Heimat werden. Die junge Frau ist mit wenig Enthusiasmus an einem nebligen Herbsttag unterwegs nach Norden. Was kann in einem so kleinen Dorf schon passieren?

Doch noch bevor die Polizistin wirklich angekommen ist, rettet sie einem kleinen Schweinchen das Leben – mit nicht ganz legalen Methoden. Das aus der Ferne angemietete Haus sieht natürlich nicht so aus wie auf den Fotos im Internet. Und dass die Geschäfte auf dem Dorf nicht rund um die Uhr geöffnet haben, hatte Nicole Jacobi auch nicht berücksichtigt…

Mord auf dem Dorf

Privat findet Nicole Jacobi schnell Unterstützung bei der netten Nachbarin und der friesisch-schottischen Wirtin des Dorfkneipen-Pubs. Beruflich steht sie ziemlich alleine da: Ihr neuer Chef Sven Kröger ist nicht begeistert, dass ein anderer Polizist auftaucht. Er schickt Nicole erst einmal als Laufbursche in den Außendienst, während er gemütlich am Schreibtisch bleibt. Als sie einen der Bauern des Ortes tot in seiner Küche findet, beschließen Arzt und Polizist schnell, dass es ein natürlicher Tod gewesen sein muss.

Arbeiten gegen den Willen des Chefs

Nicole Jacobi ist kein bisschen überzeugt, hinter dem Rücken ihres Chefs beginnt sie zu ermitteln. Unterstützt von ihrer besten Freundin, die praktischerweise Pathologin ist, und ihrem kleinen Schweinchen Jacobus, das sich bei seiner Retterin Nicole revanchieren kann und auch ihr das Leben rettet.

Nette Lektüre mit Schwein

Die Krimihandlung ist nicht gerade genial konstruiert, aber das spielt auch keine große Rolle. Die Figuren sind nett gezeichnet, es gibt eine sympathische Protagonistin und jede Menge Lokalkolorit. Und vor allem der clevere Jacobus mit seinem Spürsinn und einer guten Nase für Gefahr sorgt dafür, dass der Leser / die Leserin einen vergnüglichen Nachmittag bei der Lektüre verbringt.

Laura Beer. Friesisches Roulette. Schweinekommissar Jacobus ermittelt. Augsburg: Weltbild, 2014.

Bayern, Deutschland

Rita Falk. Winterkartoffelknödel – Franz Eberhofer 1 (2010)

Der Eberhofer Franz erzählt aus seinem niederbayerischen Dorfpolizisten-Alltag. In Niederkaltenkirchen bei Landshut ist nicht gerade der Teufel los. Deshalb wurde Franz auch dorthin versetzt nach einigen Zwischenfällen in München. Psychische Probleme, hieß es.

Seitdem wird Franz vom Polizeipsychologen aufmerksam beobachtet. Und genau deshalb nimmt ihn auch niemand erst, als er seinen Verdacht äußert, dass der Neuhofer Hans den Rest seiner Familie der Reihe nach umgebracht hat. Franz muss also heimlich ermitteln. Allerdings ist er sehr abgelenkt: von einer wirklich tollen Frau, von ihm genannt „der Ferrari“. Und Franz‘ Verdächtiger kommt auch noch zu Tode.

Familie

Da ist es gut, dass Franz von Vater und Bruder regelmäßig abgelenkt und von der tauben Oma kulinarisch und auch sonst verwöhnt wird. Und der Ex-Kollege aus München hilft bei der Aufklärung des Falles.

Winterkartoffelknödel von Rita Falk spielt in der bayerischen Provinz und folgt dem geruhsamen Ablauf des dörflichen Alltags. Fantastisch anders ist die Sprache, direkt aus dem Mund von Dorfpolizist Franz. Der ist nicht gerade ein Intellektueller oder Schöngeist, er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern sagt’s wie er’s sieht. So isses halt.

Urbayerisch und humorvoll

Genau diese Perspektive und die Sprache machen diesen Krimi so ungewöhnlich und wirklich komisch. Wenn auch der Humor ziemlich krachledern und oft derb ist, sehr lustig und unterhaltsam ist es allemal. Und als Extra gibt es auch noch die „Originalrezepte von dem Franz seiner Oma“ im Anhang.

Rita Falk. Winterkartoffelknödel. München: dtv, 2010.

Weitere Infos zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Rita Falk.

Schweden

Viveca Sten. Die Toten von Sandhamn – Sandhamn 3 (2012)

Auch wenn der dritte Band aus Viveca Stens Sandhamn-Serie sich mit dem Titel „Die Toten von Sandhamn“ gleich als Krimi einordnet, ist er doch viel mehr als das …

Im Mittelpunkt steht wieder eine spannend konstruierte Krimihandlung um ein verschwundenes Mädchen. Erst Monate später stellt sich durch Zufall heraus, dass Lina ermordet wurde. Und Thomas Andreasson, der zuständige Kommissar für Sandhamn, ermittelt auf der verschneiten und eiskalten Schäreninsel. Interessante Wendungen und ein dramatisches Finale inklusive.

Liebesende und Neuanfänge

Darüber hinaus entwickeln sich auch die Geschichten der Protagonisten weiter: Thomas trifft seine Ex-Frau wieder und alles scheint auf eine Versöhnung hinzudeuten. Nora dagegen findet heraus, dass ihr Mann eine Affäre hat, flüchtet mir ihren Söhnen in ihr Haus auf Sandhamn und plagt sich mit allen typischen Zweifeln ihrer Situation. Die Ermittlungen, in die ihre Familie wieder unfreiwillig hineingezogen wird, haben ihr da gerade noch gefehlt.

Harte Inselzeiten

Ein paralleler Erzählstrang fügt noch einen historischen Blick hinzu: Auf das harte und schwierige Leben von Gottfrid und seinem Sohn Thorwald auf Sandhamn Anfang des 20. Jahrhunderts. Zur Aufklärung des Falls und zum Ende des Romans verknüpfen sich die Fäden. Die „alte Geschichte“ macht die Auflösung noch glaubwürdiger, auch wenn der Teufel Alkohol ebenfalls seine Finger im Spiel hat. Wichtigster Protagonist des Romans ist auch in diesem Band die Insel Sandhamn. Viveca Sten lässt den Leser die Kälte spüren, aber auch den ganz besonderen Zauber der Insel in Vergangenheit und Gegenwart. Hinreisen oder wenigstens mehr davon lesen?

Serie mit Suchtpotenzial

Wem all die „Suchtfaktoren“ des Buches noch nicht ausreichen, um sich den nächsten Band gleich vorzumerken, der wird dies spätestens nach dem letzten Satz tun. Denn es scheint, dass Thomas Andreasson aus diesem Fall nicht unbeschadet herauskommt.

Viveca Sten. Die Toten von Sandhamn. Thomas Andreassons dritter Fall. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2012. | Original: I grunden utan skuld, 2010. Übersetzung Dagmar Lendt. (Sandhamn 3)

Mehr zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Vivea Sten.