Portugal

Gil Ribeiro. Lost in Fuseta – 1 (2017)

Die Feriensaison an der Algarve geht gerade zu Ende, als der Hamburger Leander Lost im Rahmen eines Europol-Austauschprogrammes nach Fuseta kommt. Der Deutsche benimmt sich merkwürdig, befinden die neuen Kollegen, bis sie erfahren, dass Lost Autist ist. Doch es dauert eine Weile – und damit einige Ermittlungsschritte bei der Untersuchung des Mordes an einem Privatdetektiv – bis alle damit umgehen und Losts besondere Fähigkeiten einsetzen können.

Das Austauschjahr an der Algarve war bestimmt nicht die Idee von Leander Lost, der die furchterregende Situation nur meistert, weil es ein Befehl seines Hamburger Vorgesetzten ist. Immerhin hat Lost seine Strategien: Er zählt Ecken zur Beruhigung. Und bemüht sich sehr, Gesichter zu analysieren, um Emotionen zu deuten, und sich anzupassen … Seinen neuen Kollegen, Kommissarin Graciana Rosado und Sub-Inspector Carlos Esteves, kommt der Deutsche trotzdem merkwürdig vor. Gastfreundlich, wie sie nun mal sind, wollen sie dem Neuzugang eine Chance geben.

Dramatischer Auftakt

Das Dreier-Gespann muss sich auch sofort an seinen ersten Fall machen: Der deutsche Privatdetektiv Markus Conrad wird tot auf einem geliehenen Boot gefunden. Unfall oder Mord? Als der Pathologe kurze Zeit später bestätigt, dass Conrad ermordet wurde, fahren die drei in das Büro des Privatdetektivs. Doch noch bevor sie sich richtig umsehen können, wird Graciana niedergeschlagen, Carlos als Geisel genommen und das Büro in Brand gesteckt. Lost reagiert prompt, er schießt erst Carlos ins Bein und, als dieser zu Boden geht, dem Angreifer, dann bringt er alle in Sicherheit und leistet Erste Hilfe.

Besondere Fähigkeiten

Dass der neue Kollege ihm sofort ins Bein geschossen hat, kann Carlos nicht verzeihen. Genauso wenig, dass Lost sie wegen einer anderen Geschichte bei einem Kollegen „verpfiffen“ hat. Erst Gracianas Schwester, Soraia, erkennt, dass Lost Autist ist und dass er keine Schuld an seiner Handlungsweise trägt. Er könne nicht Lügen und würde immer streng logisch denken, so wie in der brenzligen Situation im Büro des Detektivs. Außerdem habe Lost höchstwahrscheinlich ein fotografisches Gedächtnis … Das macht den fremden Kollegen dann wieder äußerst interessant für Graciana und Carlos. Und tatsächlich kann Lost sich genau erinnern, welche Fotos in dem Büro hingen und wer und was darauf zu sehen war.

Wasserkrieg?

Die Spuren führen zur Firma Eltsen, die Mineralwasser vertreibt und mit dem neuen privaten Wasserversorger Adles verbunden scheint. Was hatte Conrad dort entdeckt? Ein anonymer Anrufer macht Graciana auf einen weiteren Todesfall aufmerksam: Vor wenigen Wochen kam Madalena Pinto bei einem Autounfall ums Leben und nicht mal eine Stunde später ging ihr Haus in Flammen auf. Die Fälle hatte Kollege Duarte auf dem Tisch, der schnell alles als Unfall abgetan hat, obwohl ein Augenzeuge Hinweise auf Fremdverschulden gegeben hatte. Steckt der Kollege in dem Fall mit drin? Oder doch eher der schleimige Geschäftsführer von Eltsen? Oder Sicherheitschef Abel Peres? Oder geht es doch um etwas ganz anderes?

Außergewöhnlich gut

Der Fall um das an der Algarve knappe Gut Wasser ist äußerst spannend geschildert – und doch verblasst er ein wenig neben der Darstellung von Losts Autismus und der wunderbaren Menschlichkeit Gracianas und ihrer Familie. Autor Ribeiro schafft es immer wieder, wie nebenbei Losts Perspektive einzunehmen und zum Beispiel seine Ratlosigkeit angesichts von Gefühlen anderer deutlich zu machen. Das ist nie aufgesetzt, kein theoretischer Exkurs, sondern ein Nebensatz, in dem der Leser plötzlich die Schwierigkeiten des Autisten quasi hautnah miterleben kann. Das ist geschickt mit der Gastfreundschaft und Akzeptanz der Portugiesen und den Vorteilen für die Ermittlungsarbeit verknüpft. In meinen Augen ein fantastischer Krimi, der ganz nebenbei viel mehr Verständnis für Autisten wecken kann als ein psychologischer Ratgeber.

Gil Ribeiro. Lost in Fuseta. Ein Portugal-Krimi. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017.

Mehr zum Autor und zur Serie auf der Autorenseite Gil Ribeiro.

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